Statue der Gottesmutter
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Predigt vom Karfreitag Prof. Dr. Hansjörg Rigger

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Die Geschichte, die heute eine Antwort bekommt, die Geschichte, die so viele Fragen aufwirft, beginnt eigentlich schon viel Früher. Das erste Menschenpaar, Adam und Eva, sie möchten wie Gott sein. Das zumindest ist das Versprechen des Teufels, der Schlange, und sie glaubten der Schlange mehr, als Gott. Das Ergebnis: Sie müssen das Paradies verlassen, jenen Ort der Fülle, der Liebe, der Zartheit Gottes. Kain wird Abel erschlagen. Die Noah Generation, die Sintflut aushalten müssen. Die Babelgeneration, sich so weit von Gott entfernen, dass Menschen sich nicht mehr verstehen. Sie finden keine gemeinsame Sprache mehr und bereits auf diesen ersten Seiten der Bibel, wird sind gerade einmal im 11. Kapitel angelangt, da könnten wir sagen: Diese Geschichte ist festgefahren. Im 12, Kapitel folgt die Berufung des Abraham. Es heißt nicht nur „zieh heraus aus diesem Land aus deinem Vaterhaus“, wir könnten fast sagen, zieh weg von diesem Sumpf und ich führe dich in ein anderes Land, in das gelobte Land, in ein Land voller Fruchtbarkeit, ein Land in dem sich die Verheißungen erfüllen sollen. Und da hat die Geschichte, die heute eine Antwort findet, angefangen. Es ist die Geschichte Gottes mit uns Menschen, es ist die Geschichte eines Liebhabers mit seiner störrischen Liebe. Es ist die Geschichte eines Gottes, der uns unermüdlich nachgeht, der um uns wirbt, geradezu um uns buhlt. Ein Gott, der nichts unversucht lässt, um uns nahe zu sein, um uns umzustimmen, um uns zu überzeugen. Aber die Geschichte geht weiter. Unzählige Kriege werden folgen. Die Toten, welche wir Menschen hinterlassen, sie sind längst ungezählt. Gewalt, Ungerechtigkeit, Krankheit und vieles andere mehr.

Liebe Brüder und Schwestern, und irgendwann einmal sind auch wir geboren. Irgendwann einmal beginnen wir diesen Weg auf dieser Welt und der dauert 70, 80, heute vielleicht auch 100 Jahre. Aber auch wir hätten so manches zu erzählen, so manches, das ein Fragezeichen hinterlassen hat. War es die Krankheit des Ehepartners, der so plötzlich hinweggerafft wurde, war es der Unfall meines Sohnes, der in der Früh losgefahren ist, aber in der nicht mehr nach Hause gekommen ist, sind es meine Kinder, die so absolut und gar nicht auf den christlichen Weg wollen? Sind es die Enkelkinder, die Ihre Kinder nicht mehr zur Taufe bringen? Fragen über Fragen, und heute die Antwort. Gott, der unser Elend gesehen hat, der unsere Fragen verstanden hat und uns dort abholen möchte. Nicht nur damals vor 2000 Jahren, er möchte es heute tun. Er möchte dich, abholen in deinem Elend, mitten darin in den Fragen, die sich aus dem Leben ergeben, mitten darin in den fehlenden Antworten, mitten darin in dieser unendlichen Sehnsucht nach Leben, Erlösung, Heil und Heilung. Dort möchte er uns abholen und wir haben soeben die Passionsgeschichte nach dem Johannesevangelium gehört, ja, es war wohl nur so möglich. Ich denke, heute verstehen wir manches mehr, wenn wir daran denken, dass in der Zwischenzeit jeden Tag Christen ermordet werden. Sie werden gekreuzigt. Sie werden geköpft, sie werden verbrannt. Einziger Anklagepunkt „Du bist ein Christ!“

Und auf der anderen Seite, liebe Brüder und Schwestern, auch das soll nicht verheimlicht werden, es gab in der Geschichte des Islam, noch nie eine Phase, wo die Menschen unter der Gefahr getötet zu werden, scharenweise, scharenweise, zum Christentum konvertieren, sich taufen lassen. Ich habe es gerade letzte Woche gelesen, in Berlin kann man sich gar nicht mehr erwehren von Muslimen, die Christen werden wollen. Da hört man Geschichten von Menschen, die sagen: Mir ist im Traum Christus erschienen. Und sie sind bereit alles zu geben, auch ihr Leben, wir sehen, das ist eine Geschichte, die nicht wir machen können. Das ist die Geschichte zwischen Karfreitag und Ostern. Am Karfreitag, wir sind noch ganz verzweifelt, wir sind mit unserem Latein buchstäblich am Ende, aber Ostern wird folgen.

Liebe Brüder und Schwestern, Gott hat uns eine liebevolle Antwort gegeben. Sein Sohn ist Mensch geworden, er hat den ersten Schritt getan. Er hat die Distanz überwunden, um uns zu erreichen und er erreicht jeden von uns. Jeden, aber liebe Gläubige, überlegen Sie sich jetzt: Wo stehen Sie? Wohin muss dieser Jesus von Nazareth, Christus, kommen um Dich und mich zu erreichen. Sie sagen mir, sie sind verheiratet, in dieser Ehe, in dieser Familie. Sie sagen mir, Sie sind eine Ordensfrau. Wie weit muss der Herr gehen, um Sie zu erreichen? Wie offen ist Ihr Herz, wie bereit sind Sie Ihn aufzunehmen, als das Leben, das Leben in Fülle, als den, der Ihnen wirklich Heilung gibt? Aber vielleicht kann es auch ganz anders sein. Nach dieser Liturgie gehen wir nach Hause und es hat sich nichts verändert, wir wurden nicht erreicht. Unser Herz hat sich nicht geöffnet und wir vertrauen ihm doch nicht ganz. Und klangheimlich krempeln wir wieder die Ärmel hoch, um es selbst in den Griff zu kriegen. Liebe Brüder und Schwestern, lassen wir uns von ihm anrühren. Lassen wir es zu, dass er unser Herz erreicht, dass er dieses Herz aus Stein aus unserer Brust nimmt, damit seines in unserer Brust zu schlagen beginnt. Er verheißt uns nicht nur irgendetwas, er verheißt uns alles. Er verheißt uns Heil, Heilung, Leben in Fülle, ewiges Leben. Und da darf es einmal weh tun, wenn wir jetzt gleich anschließend in den großen Fürbitten uns an ihn wenden, wenn wir anschließend noch das Kreuz verehren, wenn wir in dem Gesang, der während der Kreuzverehrung angestimmt wird, die so genannten Improperien [Heilandsklagen], wenn wir dabei einen Text aus dem alten Testament wohlgemerkt, singen werden: „Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir getan!“ Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er der uns geformt hat, im Schoß unserer Mutter, er der den letzten Tag unseres Lebens kennt, der uns trotzdem und immer wieder liebt. Er, dem wir alles verdanken, von dem wir alles erhoffen können, er der ein zärtlicher Gott ist, um es mit Papst Franziskus zu sagen. Ja, liebe Gläubige, dann darf es uns einen Moment lang wehtun. Auch heute noch, 2000 Jahre später, denn damals vor 2000 Jahren hat er nicht nur die Sünden der damaligen Welt mit hinauf ans Kreuz getragen, meine Sünde, deine Sünde, war schon mit dabei. Lassen wir uns berühren, denn nur durch diese Berührung werden wir heil!

Predigt vom Gründonnerstag Prof. Dr. Hansjörg Rigger

Liebe Brüder uns Schwestern!

Wer vom Bad kommt ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen, sagt Jesus, nachdem Petrus den Einwand formuliert hatte, er würde es nicht zulassen, dass Jesus an ihm diesen Sklavendienst versieht. Und um die Brisanz dieser Geste Jesu besser zu verstehen, muss man wissen, dass es im jüdischen Volk ein Gesetz gab, im Bezug auf die Sklaven. Vom Sklaven konnte man im Grunde alles verlangen. Natürlich nichts was den 10 Geboten Gottes widersprach. Aber man konnte von ihm jede Tätigkeit, jede Arbeit jeden Dienst verlangen, außer, sagt das jüdische Gesetz, dass dir der Sklave die Füße wäscht. Jesus setzt sich über ein Gesetz hinweg, das müssen wir als erstes festhalten. Und schon das ist eine Katechese über die Liebe. Die Liebe geht über jedes Gesetz hinaus. Die Liebe kann man nicht in das Korsett eines Gesetzes zwingen. Würde eine Mutter sagen, sie hätte für Ihre Kinder alles getan, was das Gesetz fordert, würden wir zucken und sagen, dann wohl nicht alles. Die Liebe kennt keinen Dienst nach Vorschrift.

Wer vom Bad kommt ist ganz rein und braucht sich nur mehr die Füße zu waschen. Auch da müssen wir zurückgehen in die damalige Zeit. Man hatte keine sanitären Anlagen zu Hause. Man ging ins Bad. Griechen und Römer haben daraus einen ganzen Kult daraus gemacht. Aber auch im Jüdischen gab es so was Ähnliches in den öffentlichen Bädern und Badeanstalten. Da sorgte man für die ausreichende Hygiene und wer vom Bad kam, war ganz rein. Er brauchte sich nur mehr die Füße waschen, denn er war entweder barfuss unterwegs oder barfuss in den Sandalen. Der Schmutz des Weges war das Problem.

Und Jesus, das Wort Gottes, wendet sich uns zu und uns wird heute gesagt, wer vom Bad kommt ist ganz rein. Wer von der Taufe kommt ist ganz rein, aber dazwischen liegen nun mal ein paar Jährchen. Er ist ganz rein, aber der Weg forderte seinen Tribut. Da sind wir in manche Pfütze getreten. Vielleicht haben wir uns selbst an der Schlammschlacht beteiligt. Vielleicht haben wir uns beschmutzt. Sünde beschmutzt. Hier bei Ihnen, liebe Schwestern, bei der Kongregation der Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis, da haben wir ein besonderes Gespür für Reinheit, denn diese Reinheit steht für das Paradies. Diese Reinheit steht für eine Ursprünglichkeit, die es nirgendwo anderswo gibt. Diese Reinheit ist Unschuld. Diese Reinheit kennt die Sünde nicht. Diese Reinheit ist reine Liebe. Und umso mehr wir das betonen und unterstreichen, umso mehr fällt uns auf, wie weit wir von dieser Reinheit entfernt sind und wie sehr wir es notwendig haben, ja dass wir gereinigt werden. Sagen wir es mit dem Bild des heutigen Abends: dass uns die Füße gewaschen werden.

Und auch uns ist es peinlich. Wenn ich in die Runde schaue, wahrscheinlich sehe ich an der roten Farbe der Bäckchen, welche Schwestern heute hier zur Fußwaschung vortreten müssen. Die Aufregung steigt mit jeder Minute die die Predigt dauert. Manche Schwester wird sich heute das einzige Mal im Jahr denken: Wenn die Predigt nur lange dauert.

Liebe Brüder und Schwestern, wir lachen darüber, aber gleichzeitig ist dieses Lachen entlarvend. Uns ist es nicht weniger peinlich als Petrus. Oder wir könnten rüber gehen ins Krankenhaus und dort mit Menschen reden, die gepflegt werden müssen, gewaschen werden müssen.

Vielleicht haben sie es zu Hause bei einer alten Oma oder beim Opa gemacht. Noch bevor Sie hier her gekommen sind. Das ist gewöhnungsbedürftig. Denn wer mich wäscht, sieht auch den Schmutz. Wer mich wäscht, wird selber schmutzig.

Liebe Brüder und Schwestern, der ganze Gründonnerstag ist wie ein einziges Loblied, ein Hymnus auf die Liebe Gottes. Wir waren schon ganz rein in der Taufe, aber der Weg, den wir zurücklegen mussten, hat uns vielfältig beschmutzt. Und wir fragen uns: Ja, Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Und wir wissen, das darf wirklich geschehen. Die Sakramente sind unsere Bademittel. Das sind unsere Reinigungsmittel. Natürlich fällt uns als Erstes die Beichte ein und liebe Gläubige, lassen Sie es mich sagen, bei den Schwestern brauche ich das nicht zu sagen, ich hoffe, dass Sie die Osterbeichte schon gemacht haben. Die Osterbeichte ist verpflichtend. Das habe nicht ich erfunden, nicht dass Sie meinen der kommt da jetzt von Südtirol her und sagt uns das hier einfach so rein. Das ist ein Gebot der Kirche und wenn Sie dann zu Ostern ohne die Beichte zur Kommunion gehen, ja ich wage es fast nicht zu sagen, was dann die Kirche sagt. Die Kirche gibt uns Reinigungsmittel, die Eucharistie. Ein Reinigungsmittel, wir sollen rein werden. Rein und immer ist Er es, der sich niederkniet und uns die Füße wäscht, in jedem Sakrament in jeder Eucharistiefeier, er ist es, der heute, hier und jetzt, morgen, übermorgen, an jedem Tag unseres Lebens, wenn wir wollen und es nur annehmen, sich niederkniet, um uns die Füße zu waschen, um uns ganz rein zu haben, denn so möchte er uns mitnehmen, dorthin, wo Maria, die Unbefleckt Empfangene, schon ist.

Liebe Brüder uns Schwestern. Jesus sagt zu den Jüngern: Begreift ihr, was ich euch getan habe? Habe ich begriffen, was er an uns tut? Habe ich es wirklich begriffen? Heute ist der Auftakt zu diesen heiligsten drei österlichen Tagen. Und jeden Tag, Karfreitag, Karsamstag, Osternacht, sollen wir tiefer hineingeführt werden, tiefer begreifen, was er an uns tut. Und wir werden sehen, wie er am Kreuz stirbt, wir werden das betrachten. Wir werden am Karsamstag im Gebet daran denken, dass er hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, in die Hölle, und dann wissen wir, für ihn ist tatsächlich kein Weg zu weit. Denn wie Papst Benedikt XVI. es einmal sagt: Die Hölle, das ist der Ort, der am weitesten von Gott entfernst ist. Es gibt keinen Ort, der weiter von ihm entfernt ist, auch dort ist er bereit, in seiner vollkommenen Liebe hinzugehen. Ich denke, wir dürfen hoffen, dass er bei uns schon auf halbem Weg zum Ziel kommt. So weit muss er bei uns gar nicht mal gehen, Gott sei Dank, seien wir froh.

Liebe Brüder und Schwestern, ich habe angekündigt was heute für die Kirche selbstverständlich ist, der Papst wird es heut in der Nacht machen, viele Bischöfe, Priester auf der ganzen Welt. Wir haben es nicht erfunden hier in Vorau, die Fußwaschung, aber es ist ein sehr tiefes Zeichen, dass wir mit aller Ernsthaftigkeit aufnehmen sollten. Denn an diesem Zeichen soll uns sichtbar gemacht werden, worum es geht. Gott macht sich ganz klein, so klein, dass er von unten nach oben blicken muss, um uns anzusehen, er lässt uns sogar noch den Blick von oben nach unten. Er holt uns dort ab, wo wir mit unserem Stolz getroffen werden, und gibt uns damit ein Beispiel, unendlich liebevoll es ihm doch gleichzutun, in unseren alltäglichen Situationen, wo wir die Hand ausstrecken, wo wir verzeihen, wo wir den ersten Schritt machen, wo wir einmal den Mund halten und auf das letzte Wort verzichten usw. usw.