Archiv: Chroniken
Predigt von der Osternachtfeier Prof. Dr. Hansjörg Rigger
Liebe Brüder und Schwestern!
Am letzten Sonntag, am Palmsonntag, als die Passionsgeschichte aus dem Markusevangelium vorgelesen wurde, da wurde ganz am Ende noch eine Frau genannt, nämlich Maria aus Magdala. Sie hatte genau das beobachtet, was wir am Karfreitag aus dem Johannesevangelium gehört haben, nämlich, dass Joseph von Arimathäa ein neues, noch nie gebrauchtes Grab zur Verfügung stellte, Pilatus darum bat, und Jesus schließlich dort in jenem Grab bestattete und das Grab versiegelte. Maria aus Magdala hat diesen Vorgang beobachtet. Das ist definitiv. Es gibt im menschlichen Leben nichts Definitiveres, als das Grab.
Das verstehen wir noch alles, bis zum Grab reicht unser Verstand. Ich persönlich erinnere mich, als im vergangenen Jahr meine Mutter begraben wurde, und auch wir über uns ergehen lassen mussten, dass einem am Grab noch einmal alle einem die Hände schütteln, … , bin ich, als die Leute alle abgezogen waren, als einziger, meine Geschwister waren auch alle weg, zurückgeblieben. Der Totengräber zögerte und ich sagte zu ihm: „Nur zu: Schütten Sie das Grab nur zu!“ Und ich stand da, es war ein sonniger Tag im August, und ich sah, wie eine Schaufel Sand, eine nach der anderen, in den Sarg fiel und ich dachte mir noch, die nächste Schaufel wird die letzte sein. Dann sehe ich vom Sarg nichts mehr. Ich wusste, diese Geschichte ist irdisch hier zu Ende. Maria von Magdala, zusammen mit einigen anderen Frauen, machte sich in aller Frühe auf den Weg. Und ich möchte Ihnen die Frage stellen: “Was war der Impuls?“
Sie können mir antworten: Sie hatten Angst vor den Juden, deswegen in aller Frühe. Aber diese Frauen sind aufgebrochen, um Jesus zu salben.
Aber sie hatten doch gesehen, dass dieser riesengroße Grabstein davor gewälzt wurde, das Grab versiegelt wurde. Wen meinten sie dort am Grab antreffen zu können, der die Kraft und die Stärke gehabt hätte, das Grab wieder zu öffnen? Was war der Impuls? Bleiben wir noch einmal bei Maria von Magdala. Maria von Magdala liebte den Herrn! Das hatte einen Grund, denn nach dem Lukas-Evangelium hatte er sie von sieben Dämonen befreit. Wir könnten sagen, von sieben Krankheiten. Sieben Mal wurde ein solcher Stein aus Ihrem Leben weggewälzt. Sie kam zum Grab und diese Frauen fragen sich: „Wer, wer wälzt uns den Stein weg?“ Aber Maria von Magdala wusste es in ihrem Herzen. Wer? Eigentlich nur er, denn in meinem Leben, da hat er sieben Steine weggewälzt, die auf mir lasteten, die mich gefangen hielten. Wie gelähmt, gefesselt.
Liebe Brüder und Schwestern, es war die Liebe, welche diese Frauen trieb. Im Hohelied der Liebe bricht die Braut auf und sagte: Ich suchte ihn die ganze Nacht, helft mir ihn finden, ihn, den ich so liebe. Im nächsten Satz ist von einer Flamme die Rede, welche die Liebe entzündet hat im Herzen dieser Frau. Diese Liebesflamme ist es, die diese Frauen antreibt und sie erleben etwas, das unerhört ist, nicht bekannt, das alle Kategorien sprengte. Das Grab war offen und der Herr nicht da. Es befällt sie zunächst eine Angst. Der Herr ist nicht mehr da? Wer hat Ihn weggenommen, wo ist er? Es ist fast so, wie unsere Angst, wenn wir Liebe erfahren: Diese Liebe könnte aufhören! Die Angst, die wir alle kennen, wenn ein lieber Mensch stirbt. Der Tod. er hat mir diesen Menschen entrissen, aber hört jetzt die Liebe auf? Die Liebe ist stark wie der Tod. Ja, in Christus hat sie sich als stärker erwiesen. Und diese Frauen brechen auf, gehen zu den Jüngern und nun kann dieses entflammte Herz, es ist das Osterfeuer, weitergeben und es reicht bis zu uns hierher. Bis 2015. Amen
Predigt vom Karfreitag Prof. Dr. Hansjörg Rigger
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Die Geschichte, die heute eine Antwort bekommt, die Geschichte, die so viele Fragen aufwirft, beginnt eigentlich schon viel Früher. Das erste Menschenpaar, Adam und Eva, sie möchten wie Gott sein. Das zumindest ist das Versprechen des Teufels, der Schlange, und sie glaubten der Schlange mehr, als Gott. Das Ergebnis: Sie müssen das Paradies verlassen, jenen Ort der Fülle, der Liebe, der Zartheit Gottes. Kain wird Abel erschlagen. Die Noah Generation, die Sintflut aushalten müssen. Die Babelgeneration, sich so weit von Gott entfernen, dass Menschen sich nicht mehr verstehen. Sie finden keine gemeinsame Sprache mehr und bereits auf diesen ersten Seiten der Bibel, wird sind gerade einmal im 11. Kapitel angelangt, da könnten wir sagen: Diese Geschichte ist festgefahren. Im 12, Kapitel folgt die Berufung des Abraham. Es heißt nicht nur „zieh heraus aus diesem Land aus deinem Vaterhaus“, wir könnten fast sagen, zieh weg von diesem Sumpf und ich führe dich in ein anderes Land, in das gelobte Land, in ein Land voller Fruchtbarkeit, ein Land in dem sich die Verheißungen erfüllen sollen. Und da hat die Geschichte, die heute eine Antwort findet, angefangen. Es ist die Geschichte Gottes mit uns Menschen, es ist die Geschichte eines Liebhabers mit seiner störrischen Liebe. Es ist die Geschichte eines Gottes, der uns unermüdlich nachgeht, der um uns wirbt, geradezu um uns buhlt. Ein Gott, der nichts unversucht lässt, um uns nahe zu sein, um uns umzustimmen, um uns zu überzeugen. Aber die Geschichte geht weiter. Unzählige Kriege werden folgen. Die Toten, welche wir Menschen hinterlassen, sie sind längst ungezählt. Gewalt, Ungerechtigkeit, Krankheit und vieles andere mehr.
Liebe Brüder und Schwestern, und irgendwann einmal sind auch wir geboren. Irgendwann einmal beginnen wir diesen Weg auf dieser Welt und der dauert 70, 80, heute vielleicht auch 100 Jahre. Aber auch wir hätten so manches zu erzählen, so manches, das ein Fragezeichen hinterlassen hat. War es die Krankheit des Ehepartners, der so plötzlich hinweggerafft wurde, war es der Unfall meines Sohnes, der in der Früh losgefahren ist, aber in der nicht mehr nach Hause gekommen ist, sind es meine Kinder, die so absolut und gar nicht auf den christlichen Weg wollen? Sind es die Enkelkinder, die Ihre Kinder nicht mehr zur Taufe bringen? Fragen über Fragen, und heute die Antwort. Gott, der unser Elend gesehen hat, der unsere Fragen verstanden hat und uns dort abholen möchte. Nicht nur damals vor 2000 Jahren, er möchte es heute tun. Er möchte dich, abholen in deinem Elend, mitten darin in den Fragen, die sich aus dem Leben ergeben, mitten darin in den fehlenden Antworten, mitten darin in dieser unendlichen Sehnsucht nach Leben, Erlösung, Heil und Heilung. Dort möchte er uns abholen und wir haben soeben die Passionsgeschichte nach dem Johannesevangelium gehört, ja, es war wohl nur so möglich. Ich denke, heute verstehen wir manches mehr, wenn wir daran denken, dass in der Zwischenzeit jeden Tag Christen ermordet werden. Sie werden gekreuzigt. Sie werden geköpft, sie werden verbrannt. Einziger Anklagepunkt „Du bist ein Christ!“
Und auf der anderen Seite, liebe Brüder und Schwestern, auch das soll nicht verheimlicht werden, es gab in der Geschichte des Islam, noch nie eine Phase, wo die Menschen unter der Gefahr getötet zu werden, scharenweise, scharenweise, zum Christentum konvertieren, sich taufen lassen. Ich habe es gerade letzte Woche gelesen, in Berlin kann man sich gar nicht mehr erwehren von Muslimen, die Christen werden wollen. Da hört man Geschichten von Menschen, die sagen: Mir ist im Traum Christus erschienen. Und sie sind bereit alles zu geben, auch ihr Leben, wir sehen, das ist eine Geschichte, die nicht wir machen können. Das ist die Geschichte zwischen Karfreitag und Ostern. Am Karfreitag, wir sind noch ganz verzweifelt, wir sind mit unserem Latein buchstäblich am Ende, aber Ostern wird folgen.
Liebe Brüder und Schwestern, Gott hat uns eine liebevolle Antwort gegeben. Sein Sohn ist Mensch geworden, er hat den ersten Schritt getan. Er hat die Distanz überwunden, um uns zu erreichen und er erreicht jeden von uns. Jeden, aber liebe Gläubige, überlegen Sie sich jetzt: Wo stehen Sie? Wohin muss dieser Jesus von Nazareth, Christus, kommen um Dich und mich zu erreichen. Sie sagen mir, sie sind verheiratet, in dieser Ehe, in dieser Familie. Sie sagen mir, Sie sind eine Ordensfrau. Wie weit muss der Herr gehen, um Sie zu erreichen? Wie offen ist Ihr Herz, wie bereit sind Sie Ihn aufzunehmen, als das Leben, das Leben in Fülle, als den, der Ihnen wirklich Heilung gibt? Aber vielleicht kann es auch ganz anders sein. Nach dieser Liturgie gehen wir nach Hause und es hat sich nichts verändert, wir wurden nicht erreicht. Unser Herz hat sich nicht geöffnet und wir vertrauen ihm doch nicht ganz. Und klangheimlich krempeln wir wieder die Ärmel hoch, um es selbst in den Griff zu kriegen. Liebe Brüder und Schwestern, lassen wir uns von ihm anrühren. Lassen wir es zu, dass er unser Herz erreicht, dass er dieses Herz aus Stein aus unserer Brust nimmt, damit seines in unserer Brust zu schlagen beginnt. Er verheißt uns nicht nur irgendetwas, er verheißt uns alles. Er verheißt uns Heil, Heilung, Leben in Fülle, ewiges Leben. Und da darf es einmal weh tun, wenn wir jetzt gleich anschließend in den großen Fürbitten uns an ihn wenden, wenn wir anschließend noch das Kreuz verehren, wenn wir in dem Gesang, der während der Kreuzverehrung angestimmt wird, die so genannten Improperien [Heilandsklagen], wenn wir dabei einen Text aus dem alten Testament wohlgemerkt, singen werden: „Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir getan!“ Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er der uns geformt hat, im Schoß unserer Mutter, er der den letzten Tag unseres Lebens kennt, der uns trotzdem und immer wieder liebt. Er, dem wir alles verdanken, von dem wir alles erhoffen können, er der ein zärtlicher Gott ist, um es mit Papst Franziskus zu sagen. Ja, liebe Gläubige, dann darf es uns einen Moment lang wehtun. Auch heute noch, 2000 Jahre später, denn damals vor 2000 Jahren hat er nicht nur die Sünden der damaligen Welt mit hinauf ans Kreuz getragen, meine Sünde, deine Sünde, war schon mit dabei. Lassen wir uns berühren, denn nur durch diese Berührung werden wir heil!