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Homilie von der feierlichen Vesper Prof. Dr. Hansjörg Rigger
Liebe Brüder und Schwestern!
Jesus fragt: „Wer sind denn meine Brüder?“, und er fügt hinzu: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Den Vater nennt Jesus nicht, denn es gibt nur einen Vater, den Vater im Himmel. Aber, Bruder und Schwester und Mutter. Und wir hören sofort heraus, die erste, die wie in jeder Familie zu dieser Familie gehört, ist die Mutter. Noch bevor Jesus vom Kreuz aus unmittelbar vor seinem Tod uns Maria zur Mutter gibt, hat er sie uns hier schon zur Mutter gegeben. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Eine neue Familie entsteht. Maria ist die Erste, denn sie erfüllt den Willen des Vaters in reinster Form. Zu dieser Familie gehört sofort auch ihr Sohn, dessen Speise es war, den Willen des Vaters zu tun. Zu dieser Familie gehören sofort die Jünger. Zu dieser Familie möchten auch wir gehören.
Und wir sind jetzt hier versammelt, und feiern Familiengründung. Familiengründung, eigentliche etwas sehr Intimes, Verborgenes, aber hoffentlich Liebevolles. Und ich glaube, auch wenn es öffentlich geschieht, es ist etwas Intimes, etwas Liebevolles. Intim, weil es mit einer Antwort zu tun hat, die ein jeder, eine jede, persönlich geben muss. Und dieser Antwort geht ein Ruf voraus. Und dieser Ruf hat eine Geschichte. Diese Geschichte ist vielleicht eine ganz einfache Geschichte: Wir sind öfters mal hierher gekommen, da ist eine Mami dabei von einer Schwester, vielleicht eine Tante, ein Priester, … wir sind mit diesen Schwestern in Kontakt gekommen, mit der Kongregation der Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis hier in Vorau.
Liebe Brüder und Schwestern!
Haben Sie hier etwas entdeckt? Können Sie sagen: Hier habe ich etwas entdeckt, das mich bereichert hat? Hier habe ich etwas entdeckt, das mir als Priester gut getan hat? Hier habe ich etwas entdeckt, das mir als verheirateter Mann, als verheiratete Frau, gut getan hat? Ja, was haben Sie wohl entdeckt? Ich habe hier einen Text gefunden, er ist fast noch druckfrisch. Vor einer guten Woche hat Papst Franziskus das Jahr des gottgeweihten Lebens ausgerufen und wir können sagen: Mit gottgeweihtem Leben haben wir ja jetzt wirklich nur indirekt zu tun. Aber, er sagt dabei etwas, das ins Zentrum trifft, von dem, was wir heute machen. Und das möchte ich in dieser kurzen Homilie festhalten, damit uns klar wird: Familiares Immaculatae – Barbara Sicharter – FIBS – das hat damit zu tun. Und würden wir es aus diesem Kontext herausschneiden, würden wir sozusagen die Schwestern außen vor lassen, ja, dann ist FIBS nur noch FIBS.
Das sagt der Papst – und er spricht von den Menschen des geweihten Lebens, er spricht nicht von den Verheirateten, er spricht nicht von uns Weltgeistlichen – hoffentlich nicht verweltlichten Geistlichen – er sagt: „Geweihte Personen sind Zeichen Gottes in den verschiedenen Bereichen des Lebens. Sie sind die Hefe für das Wachstum einer gerechteren und brüderlicheren Welt. Sie sind Prophetie des Teilens mit den Armen und Kleinen.“ Der Papst sagt: „So verstanden und gelebt, erscheint das geweihte Leben wie es wirklich ist: ein Geschenk Gottes, ein Geschenk Gottes für die Kirche, ein Geschenk Gottes für sein Volk. Jeder geweihte Mensch ist ein Geschenk Gottes für das Volk Gottes auf dem Weg.“
Das muss gesagt sein! Damit von vorneherein klar ist, was wir hier machen. Familiares Immaculatae & Barbara Sicharter gibt es nicht losgelöst von dieser Kongregation, gibt es nicht losgelöst von ihrer Spiritualität, von ihrem Charisma. Der Papst sagt es wunderbar und ganz einfach: Sie sind für uns – für mich als Priester, für die Laien – sie sind für uns ein Geschenk! Sie sind ein Geschenk Gottes, ein Geschenk Gottes für die Kirche! Ein Geschenk Gottes für sein Volk!
Liebe Schwestern! Als erstes sage ich zu Ihnen: Vergessen Sie das nie! Sie sind ein Geschenk für uns! Und die Familiares Immaculatae & Barbara Sicharter nehmen genau dieses Geschenk dankbar an von der Kongregation der Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis.
Liebe Brüder und Schwestern!
Ich habe noch weiter zurückgegriffen bei der Suche nach Texten und habe einen gefunden im Jahr 2002, genau besehen war es der 19. Mai. Wiederum findet man es in einem Kontext, wo Sie als Laien nicht suchen gehen würden und auch wir als Priester würden da nicht hingehen, außer die der Dominikaner. Es war nämlich eine Instruktion der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens. Und in dieser Instruktion, das spricht die Kongregation nicht von dem gottgeweihten Leben, sondern sie spricht auch von uns und sagt – und das glaube ich, ist jetzt wirklich interessant – und sagt: „Nur in einer ganzheitlichen Sicht von Kirche, in der die verschiedenen Berufungen innerhalb des einen Volkes von Berufenen entstehen, wo jeder seinen Platz hat, seinen unverwechselbaren und gleichwichtigen Platz, nur dort kann die Berufung zum geweihten Leben, ihre spezifische Identität als Zeichen und Zeugnis wieder finden.“ Also, würde man die Schwester sozusagen isolieren, würde man das gottgeweihte Leben einsperren, dann würde es seine Zeichenhaftigkeit verlieren. Und da heißt es:
„Immer mehr wird heute die Tatsache entdeckt, dass die Charismen der Gründer und Gründerinnen, die vom Geist für das Wohl aller erweckt wurden, aufs Neue in den Mittelpunkt der Kirche gebracht werden müssen, in Offenheit für diese Gemeinschaft und für die Mitbeteiligung aller Glieder des Gottesvolkes.“ Es ist, als würde uns jemand sagen, das Charisma von Barbara Sicharter, das müssen wir abstauben, das müssen wir herausholen aus den Archiven, wo wir es sicher verwahrt haben. Dieses Charisma wurde nicht geweckt einfach nur für die Schwestern. Das wurde nicht geweckt für diese Gegend um Vorau, sondern, das wurde für uns alle geweckt. „Auf dieser Linie“, sagt die Kirche, „können wir auch das Entstehen einer neuen Form von Kommunio und Zusammenarbeit innerhalb der verschiedenen Berufungen und Lebensstände feststellen, besonders zwischen Geweihten und Laien. Neu ist in diesen Jahren“, und das möchte ich Ihnen sagen, und da müssen Sie wirklich wie die Witwe sein, die einem Richter schrecklich auf die Nerven fällt in einem Evangelium, bis er ihren Wunsch erfüllt. Glauben Sie mir, Sie müssen so sein in Bezug auf die Schwestern. Nicht nachlassen. Nämlich, „neu ist in diesen Jahren vor allem die Bitte einiger Laien, an den charismatischen Idealen dieser Institute teilzuhaben.“ Daraus sind dann interessante Initiativen und neue Formen von Vereinigungen der Institute entstanden, unter anderem entstehen jetzt die Familiares Immaculatae & Barbara Sicharter.
Liebe Brüder und Schwestern!
Der Wahrheit verpflichtet, muss ich dazusagen, dass die Schwestern in einer sicher vom Himmel geführten Begegnung einer Spiritualität begegnet sind, die mit einem Stichwort zusammengefasst ist, nämlich: Liebesflamme. Gott hat den Beweis schon geliefert, wir hinken noch ein bisschen hintendrein – er hat den Beweis geliefert in konkreten Personen, die hier in unserer Mitte sind. Und ich schließe diese Predigt mit einem Text, der morgen einmal, so Gott will, einen Artikel darstellt in den neuen Konstitutionen. „In kindlichem Vertrauen übergeben wir uns ganz der jungfräulichen Gottesmutter, damit sie unsere schwachen Herzen mit der vom Heiligen Geist geschürten Liebesflamme ihres Unbefleckten Herzens, zur vollkommenen Gottes- und Nächstenliebe entfache, um so mit ihr vereint, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben. In all unserer Schwachheit bringen wir diese heilige Flamme allen Menschen guten Willens, um mitten in dieser Welt mit dem Feuer seiner Liebe das Feuer des Hasses zulöschen.“
Liebe Brüder und Schwestern!
An dieser Stelle muss ich Amen sagen und gleich überleiten zu diesem wichtigen Teil, nämlich zu diesem Versprechen. Das ist jetzt ein ganz, ganz wichtiger Augenblick und ich wollte Ihnen eines mit auf den Weg geben. Sie geben heute eine Antwort auf einen Ruf, den Sie gehört haben. Und ich sage Ihnen: Denken Sie jetzt nicht, es muss so eklatant gewesen sein wie bei Paulus, dass Sie gleich vom hohen Ross geflogen sind, sondern, es ist eine ganze Geschichte. Das ist die Geschichte einer Mami oder von zwei Mamis von Schwestern, das ist die Geschichte von Priestern – wir haben auch schon unsere Biografie als Priester – und das hat uns zum Teil, zum Beispiel, wenn Sie mich nehmen, hierher geführt, ohne dass ich so ganz genau weiß: Wie ist denn das genau gegangen? Ich habe da eigentlich die Entscheidung nicht getroffen, irgendwann war ich da. Wir sind zusammengekommen, es war ein ganz großes Geschenk des Himmels.
Aber, schauen Sie, hier hat eine ganz, ganz einfache Frau in einer Zeit, da man in der Kirche noch nicht so recht wusste, welchen Platz man solchen Frauen einräumen könnte; man hat einmal zunächst gedacht: Franziskanerterziaren und dann sind wir einmal auf dem sicheren Boden. Aber diese Frau, sie wurde von einer Liebe erfasst, man kann sagen, in ihr war ein Feuer entzündet worden, eine Flamme. Sie hat sich das alles nicht ausgedacht, sie hat es nicht programmiert, aber sie war ein Werkzeug in den Händen Gottes. Sie wurde inspiriert durch das Dogma, das damals noch ganz frisch war und über 60 Orden hervorgebracht hat: von der Unbefleckten Empfängnis. Und der Blick auf das unbefleckte Herz hat ihre Augen geöffnet für die Würde der Menschen, für das, was ihnen von Gott her zusteht. Sie hat das Pflänzchen begossen, das Gott gepflanzt hat. Und die Schwestern haben weiter gegossen. Und wir, liebe Schwestern, möchten Ihnen heute sagen: Wir würden uns auch bereit erklären, zu gießen, wenn ihr es uns ab und zu tun lasst. Mitgießen an diesem Pflänzchen, damit es weiter wächst zu einem großen Baum, wie es in der Bibel heißt, in dem die Vögel des Himmels Platz finden. Und wir könnten sagen, in dem die Seelen, die von Gott geliebten Seelen, die wir alle gerettet haben möchten, damit sie in diesem Baum Platz finden.
Liebe Brüder und Schwestern!
Sie haben ein Versprechensgebet vor sich, wir werden es gleich auch hören und mitvollziehen, innerlich. Wir haben versucht, ein klein wenig die Spiritualität der Schwestern, ein klein wenig den Moment einzufangen, in dem wir jetzt stehen. Es ist ein Gebet mit viel, viel Dankbarkeit. Wir stehen hier vor Gott und sagen: Gott, wir danken dir für den Glauben. Wir danken dir für das gottgeweihte Leben. Wir danken dir, dass du für jeden von uns eine Berufung hast.
Predigt von der feierlichen Messe Prof. Dr. Hansjörg Rigger
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
An vielen Stellen im Evangelium stellt Jesus Fragen. Es sind Fragen, die tief gehen, die wie ein scharfes Schwert wirken. Wenn Jesus beispielsweise fragt: „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ oder „Für wen haltet ihr mich?“ oder an einer anderen Stelle: „Wollt auch ihr weggehen?“ oder am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ oder nach der Auferstehung: „Liebst du mich?“ Die aller, aller, allererste Frage, die in der Bibel an die Adresse des Menschen gerichtet wird, ist die Frage: „Wo bist du, Adam?“ Es ist wie bei einem Versteckspiel: „Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen. Bist du noch da? Hast du dich versteckt? Bist du auf der Flucht? Wo bist du, Adam?“ Diese Frage hallt auch heute noch wieder. Diese Frage ist an Adam gerichtet, der gefallen war. Der zusammen mit seiner Frau Hawwāh – Eva – Leben – wie Gott sein wollte. Dem Zweifel gekommen waren: Meint es Gott mit uns gut? Der böse Feind hatte diesen Zweifel ausgestreut. Gott hatte gesagt: Von allen Bäumen, von der totalen Pracht und vom totalen Reichtum dürft ihr essen, nur von dem einen Baum in der Mitte des Gartens, vom Baum des Lebens, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, nur von diesem einen Baum nicht. Die Schlange dreht es um: Wie? Von keinem Baum dürft ihr essen? Was ist das für ein Gott, der uns etwas vorenthält? Was ist das für ein Gott?! Der Krankheit zulässt, Scheitern, Kreuz… Wo bist du, Adam? Wo bist du, Hansjörg? Wo bist du? Es ist als wollte Gott noch anknüpfen, als hätte Gott mich noch nicht aufgegeben. Als würde es Gott unendlich leid tun, als hätte mir Gott noch nicht die letzte Erklärung gegeben, was er mir geben möchte und was ich jetzt verliere. Wo bist du, Adam? Wo bist du, Hansjörg? Wo bist du – ich sag halt mal Guido, und wo bist du Roger, um nicht Ihre Namen zu nennen. Wo bist du? Wo bist du mit deinen Gedanken? Wo bist du mit deinen Sehnsüchten? Wo bist du mit deiner Angst, die dich gepackt hat? Wo bist du mit deinem Zweifel? Wo bist du!? Es ist die Frage des Vaters oder der Mutter, die ihr Kind verloren hat: Wo bist du? Vielleicht denke ich: „Ich habe es mir gemütlich eingerichtet, mir fehlt nix!“ Jetzt nicht! „Bitte, nicht stören!“ Das ist dieser Zweifel: Welchen Anspruch erhebt er denn da, der Schöpfer des Himmels und der Erde? Was will er von mir? Vielleicht ein Scheibchen bin ich bereit zu geben. So ein kleines Scheibchen, aber alles doch nicht! Und wir denken uns: Dieser Ernstfall tritt nicht ein in meinem Leben – Alles! Du entdeckst, dass die Frau neben dir nicht der Traum ist, den du dir erträumt hattest. Du entdeckst, dass der Mann, den du geheiratet hast, ein Reinfall war. Du sagst es, wo bist du, und nennst den Namen deines Sohnes, deiner Tochter: Wo bist du? Wo bist du? Und du möchtest sie zurückholen. Du möchtest ihr etwas von Christus, etwas von deinem Glauben, etwas von Maria erzählen. Du möchtest sie zu den Sakramenten führen. Du möchtest ihr sagen: Aber Gott verzeiht, er ist barmherzig, er nimmt dich an! Wo bist du? – Ich bin noch im Bett; ich übernachte bei meinem Freund; ich bin ausgezogen; knüpfen Sie dann einmal an!Der Anknüpfungspunkt ist so schwierig zu finden. Wo knüpft Gott bei uns an, könnten wir sagen. Wo bist du? Und er möchte anknüpfen.
Liebe Brüder und Schwestern!
Das heutige Fest gibt uns eine Antwort. Gott würde sich sehr schwer tun mit uns, sehr schwer. Zur Auflockerung eine rabbinische Geschichte. Die klingt fast so wie das Evangelium, das wir gehört haben. Auch da spielt der Engel Gabriel [eine Rolle]. Der kommt das erste Mal im Buch Daniel vor, im achten Kapitel. Und er war sehr angesehen, dieser Gabriel, im jüdischen Volk. Bis zum heutigen Tag.
»Gott ruft Gabriel zu sich und sagt: Geh runter in die Welt und such Menschen, die bereit sind, von mir alles anzunehmen, nämlich das Ewige Leben. Gabriel macht sich auf den Weg, so erzählen die Rabbinen, und kommt unverrichteter Dinge zurück. Und er sagt zu Gott: Ich habe niemanden gefunden. Für Ewiges Leben, haben die Leute gesagt, wir haben schon mit Stunden, mit unserer Zeit Schwierigkeiten… Mit Ewigem Leben, haben die Menschen gesagt, ne, sie hatten alle keine Zeit, hierfür.«
Und als ich diese Geschichte das erste Mal gelesen habe, das ist viele Jahre her, da dachte ich mir: Und Gott hat Gabriel ein zweites Mal geschickt, aber da wurde er fündig. Er wurde fündig.
Er hat dieses Mädchen in Nahzareth gefunden, die von Ewigkeit her vorbereitet war. Er hat einen paradiesischen Menschen gefunden. Einen Menschen, der in der Ewigkeit Gottes, dort wo Gott Adam und Eva geschaffen hat, der in gewisser Weise dort im Paradies schon aufbewahrt war, den Gott sich zurückgehalten hat, während Adam und Eva loszogen: Raus aus dem Paradies, hinein in die Freiheit.
Maria hatte Zeit, Maria hat aufgemacht. Maria, als dieser paradiesische Mensch, als dieser Mensch, so wie Gott ihn gewollt hat, wie er uns gewollt hat! Maria hat Ja gesagt. Maria hat nicht angefangen mit „wenn und aber“. Maria hat keine Rechnung aufgemacht. Maria hatte einfach nur Vertrauen, obwohl, wie wir hörten im Evangelium, sie nicht verstand, was der Gruß des Engels zu bedeuten hatte.
Das heutige Fest sagt uns: Gott hat sich in Maria, der Unbefleckt Empfangenen, der ohne Makel der Erbschuld Empfangenen, er hat sich in ihr und für die Kirche, für uns, einen bleibenden Anknüpfungspunkt geschaffen.
Wir könnten keine Garantie übernehmen, dass Gott, wenn er wirklich will, bei mir auch sofort den Anknüpfungspunkt findet. Wir könnten keine Garantie übernehmen, dass wir da wirklich präsent wären, dass wir es zulassen würden, dass er den richtigen Zeitpunkt – den mir angenehmen Zeitpunkt – gefunden hätte. Vielleicht sogar den Zeitpunkt, da ich Zeit hätte für ihn. Wer von uns würde hier Garantien aussprechen wollen?
Aber es gibt Maria, die Mutter der Kirche in der Kirche war, noch bevor sie in Petrus eine Form bekam. Und Maria ist der Anknüpfungspunkt für mich! Wo bist du, Hansjörg? Aber in Maria gibt es einen bleibenden Anknüpfungspunkt für mich! Für dich! Für deine Ehe, für deine Familie! Für dein Leben, für das, was in deinem Leben Pfusch war! Für das, was danebengegangen ist, für deine Krankheit, für den Tod und über den Tod hinaus! In Maria hat Gott einen Anknüpfungspunkt und dort knüpft er an für dich! Für dich! Denn Maria ist sozusagen das gute Gewissen – sehr menschlich gesprochen – Gottes. Maria hält Gott immer vor Augen: Du hast mir diese unendliche Gnade geschenkt, aber genau besehen, wolltest du sie doch allen schenken! Auch diesem Sünder da unten. Wenn wir auf Maria blicken, dann wird uns erst klar, welche Möglichkeiten in uns drinnen stecken würden. In uns steckt die Möglichkeit des paradiesischen Menschen. In uns steckt die Möglichkeit des Paradieses drinnen. In uns steckt die Möglichkeit des Himmels drinnen. In uns steckt die Möglichkeit drin, heilig zu werden! In uns steckt die Möglichkeit drin, wirklich zu lieben – zu lieben bis aufs Letzte – und unser Leben zu geben. In uns steckt die Möglichkeit drinnen, uns kreuzigen zu lassen, wie Christus gekreuzigt wurde. Und unser Golgotha steht halt mal eben mitten in einer Ehe, mitten in einer Familie, in einer Verwandtschaft, mitten in dieser Gesellschaft, mitten in einem Konvent. Und die Botschaft des heutigen Festes sagt: In dir stecken diese Möglichkeiten. In dir stecken die Möglichkeiten der Unbefleckten Empfängnis. In dir stecken die Möglichkeiten des Unbefleckten Herzens. Es gibt nichts, was Gott dir vorenthalten will! Er will dir alles geben, nicht nur Leben, ein bisschen Vitalität, das wir uns im nächsten Wellnesshotel holen können, vielleicht in Südtirol. Da werden Sie dann gemolken wie die Kühe. Nein, nicht ein bisschen Vitalität. Bei Gott gibt es scheibchenweise nicht. Ein bisschen gick und ein bisschen gock, wie man bei uns sagt, sondern Gott schenkt sich ganz. Er hält für dich etwas bereit. Adam, wo bist du? Hansjörg, wo bist du? Ja, wo bist DU? Wie oft hat Gott bei uns angeklopft und wollte uns alles geben? Wir haben nicht aufgemacht, haben alles verpasst. Wir haben nicht daran geglaubt. Und trotzdem, und umso mehr, bin ich froh, dass wir Maria haben. Er klopft bei uns an und wir machen vielleicht nur einen Spalt auf. Aber Maria tut ihren Fuß in diesen Spalt. Trauen wir es Maria zu, der Unbefleckt Empfangenen? Alles, liebe Brüder und Schwestern, alles, nicht ein bisschen, alles möchte er uns geben. Warum wollen wir es nicht? Warum nehmen wir das nicht an? Nimm es an und du hast ewig zum Weitergeben, zum Weiterschenken. Nimm es an und Weihnachten findet jeden Tag im Jahr statt. Bescherung. Amen.
Eine neue Familie ist entstanden: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35) Heute haben 20 Gläubige dankbar den Ruf Gottes angenommen und wollen mit uns einen geistlichen Weg gehen. Das wiederum erfüllt uns mit Dankbarkeit und Freude. Mit einem fröhlichen Abendessen konnten wir den gnadenreichen Tag abschließen.
Hilf, Maria, hilf doch mir,
sieh, es fleht ein Kind zu dir.
Du bist es ja, die helfen kann,
o Mutter, nimm dich meiner an.
Hilf, Maria, es ist Zeit,
Mutter der Barmherzigkeit.
Du bist mächtig,
uns aus Nöten und Gefahren zu erretten,
denn, wo Menschenhilf’ gebricht,
mangelt doch die deine nicht.
Nein, du kannst das heiße Flehen
deiner Kinder nicht verschmähen.
Zeig, dass du Mutter bist,
wo die Not am größten ist.
Hilf, Maria, es ist Zeit,
Mutter der Barmherzigkeit.
Predigt von Propst Gerhard Rechberger
Liebe Schwestern und Brüder!
Gepriesen sei Gott, der uns erwählt hat von Anfang an! So hat die zweite Lesung aus dem Ephesserbrief begonnen. Er hat uns gesegnet und erwählt vor der Erschaffung der Welt. Das heißt: Es geht um das Heilshandeln Gottes. Gott hat uns alle erwählt von Anfang an und dafür dürfen wir Gott preisen. Und in besonderer Weise hat das für Maria gegolten. An Maria hat Gott Großes getan, wie sie selber sagte im Magnifikat: „Der Herr hat Großes an mir getan, sein Name ist heilig.“
Aber im Grunde gilt das für jeden Menschen, denn durch die Taufe sind wir hineingenommen in diese Gemeinschaft mit Christus, ist uns diese Erwählung zugesagt worden. An Maria hat der Herr Großes getan. Das hat schon bei ihrer Geburt begonnen. In einer außerbiblischen Erzählung wird berichtet, dass ihre Eltern, Joachim und Anna – in der Bibel finden wir das ja nicht direkt, aber in anderen Schriften – dass diese zwei Eltern lange auf einen Kinderwunsch warten mussten. Es wurde ihnen versagt, sie haben lange kein Kind gehabt. Und man könnte sagen, das war damals kein Fall für Fortpflanzungsmedizin, sondern das vertrauensvolle Gebet, das war das, was sie gestärkt hat, was sie hoffen ließ. Und so ist ihrem Leben, ihrer Ehe, ein Kind geschenkt worden: Diese Maria als besonderes Geschenk Gottes, eine Gabe. Und auf der anderen Seite, was wir im Evangelium gehört haben: Diese von Gott geschenkte Maria, die antwortet auch dann auf ihre Berufung mit diesem „Ja, ich bin bereit, ich bin die Magd des Herrn.“ Sie hat diese Berufung angenommen.
Wenn wir heute hier dieses Patrozinium bei den Vorauer Marienschwestern feiern, so ist das wohl auch für diese Ordensgemeinschaft eine Frage. So wie Maria damals Ja gesagt hat zu ihrer Berufung. Wie sehen die Vorauer Schwestern ihre Berufung? Die Gründerin Barbara Sicharter hat wohl in dieser doppelten Berufung ihr Lebenswerk gesehen: Einerseits eine geistliche Gemeinschaft zu gründen und dann sehr bald auch der Dienst an den Kranken, an den Hilfsbedürftigen und an den Notleidenden. Und wenn wir auf unsere Berufung schauen, dann dürfen wir uns auch bei Jesus Christus orientieren:
Wie hat denn Jesus seine Berufung gesehen?
Einerseits zieht er sich immer wieder zum Gebet zurück, er allein, oft ganze Nächte lang. Oder es heißt: Er ging am Sabbat wie gewohnt in die Synagoge, um mit der Gemeinde den Gottesdienst zu feiern. Das war das Eine: Sein Gebet. Und auf der anderen Seite: Er war bei den Kranken, bei den Sündern, bei den Notleidenden. Er hat sich viel Zeit genommen für diese Menschen. Einmal heißt es sogar: Sie hatten nicht einmal Zeit zum Essen. In dieser Polarität hat auch er gelebt: Diese Verbundenheit mit Gott und diese liebende Hinwendung zu den Mitmenschen.
Und in dieser Spannung leben die Schwestern und leben auch wir alle. Wieviel braucht es, dass wir diese Kraftquelle aus dem Gebet schöpfen? Und andererseits: Wieviel Zeit wollen wir bei den Kranken, bei den Notleidenden sein, bei jenen Menschen, für die wir da sind? Diese Polarität kann manches Mal zu einer Spannung werden. Vielleicht können zwei Ordensgründer diese Polarität ein bisserl verstehen helfen. Der heilige Benedikt, dieser Mönchsvater, schreibt in seiner Regel: Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden. Wenn die Glocke zum Gebet läutet, dann lass deine Feder liegen, wenn du ein i geschrieben hast, den I-Punkt kannst du am Nachmittag auch noch dazugeben. Lass alles liegen, jetzt ist das Gebet wichtig. Ich denke mir, das ist auch eine Entlastung, eine Relativierung unserer ganzen Aufgaben. Die Aufgabe, der Beruf, das ist wichtig, aber es ist nicht alles, nicht das Letzte. Es relativiert, es kann mir helfen, dass ich ohne schlechtes Gewissen auch einmal eine Pause, ein Innehalten, einschalte und im Gebet wieder zu mir selber komme. Das ist der heilige Benedikt.
Und auf der anderen Seite der heilige Vinzenz von Paul, der Begründer der Barmherzigen Schwestern, der sagt: Wenn du auf dem Weg zum Gottesdienst bist und unterwegs begegnet dir jemand, der deine Hilfe braucht, dann hilf diesem Menschen, selbst wenn du dadurch den Gottesdienst versäumst, dann ist dieser Dienst am Nächsten dein Gottesdienst. Dann begegnet dir eben Christus in diesem hilfsbedürftigen Menschen. Wir kennen ja auch zum Beispiel dieses Gleichnis vom barmherzigen Samariter und dass gerade Jesus diese Hilfe beim Notleidenden so hoch einschätzt. Oder mit dem Satz: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Gerade dieses Wort ist wohl auch gegen ein religiöses Leistungsdenken: Das und das und das soll ich im Beten tun, um vor Gott gerecht zu sein. Wie Jesus gefragt wird: Wie sollen wir denn beten?, da hat er gesagt: Macht es nicht so wie die Heiden, die glauben, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte plappern. Betet ganz einfach und schlicht und dann sagt er ihnen das Vater Unser. Dieses einfache Gebet, sich hinwenden zu Gott und andererseits ganz offen sein für die Mitmenschen.
So ist Maria die Beschenkte, die sich beschenken lässt und andererseits die, die Ja sagt zu ihrer Berufung. Die so mithilft, das Negative in dieser Welt zu überwinden. Wenn wir auf die Marienstatue hier in dieser Kirche schauen, diese Immaculata, zu ihren Füßen der Erdball und ihr Fuß ist auf dem Kopf der Schlange. Das erinnert an die erste Lesung heute: Du wirst ihr den Kopf zertreten oder dein Nachkomme wird ihr den Kopf zertreten. Das heißt: Es wird einer kommen, der mithilft, das Negative in dieser Welt – und mit dem Negativen ist die Schlange sinnbildlich gezeigt – das Negative in der Welt zu überwinden. Und wir sagen, dass Maria mitgeholfen hat, durch ihre Bereitschaft, durch ihr Ja, dieses Negative in der Welt zu überwinden. Was geben wir der Welt weiter, der nächsten Generation? Ich glaube auch, für uns ist diese Berufung, der Einsatz gegen das Negative. Das ist unsere Lebensaufgabe: Dass wir durch mehr Liebe, durch mehr Frieden den Menschen Hoffnung und Trost bringen. Dann haben auch wir unsere Berufung erkannt. Amen.
Hymnus an die Unbefleckte
Meine Unbefleckte Königin Maria,ich freue mich mit dir, dass Gott dich mit so großer Reinheit gesegnet hat.
Ich danke unserem Schöpfer, dass er dich vor aller Makel der Schuld bewahrte.
Ich bin fest von dieser Wahrheit überzeugt und bereit,wenn es notwendig wäre, mein Leben hinzugeben für diesen so erhabenenund ganz einzigen Vorzug deiner Unbefleckten Empfängnis.
Ich wünschte, die ganze Welt möchte dich kennen und preisen als das schöne Morgenrot, immer geschmückt mit dem göttlichen Licht, als die auserwählte Arche des Heiles, die vor dem allgemeinen Schiffbruch der Sünde bewahrt blieb, als jene vollkommene und unbefleckte Taube, für die dein göttlicher Bräutigam dich selbst erklärt hat, als den verschlossenen Garten, der der Lieblingsaufenthalt Gottes ist, als die versiegelte Quelle, zu der der böse Feind nie Eingang fand.
Ich wünschte, die ganze Welt möchte dich kennen als jene weiße Lilie, die zwischen den Dornen, nämlich den Kindern Adams, wächst,die alle von der Sünde befleckt, in der Feindschaft Gottes geboren werden, während du allein ganz strahlend rein, ganz heilig, aufs innigste von deinem Schöpfer geliebt, geboren wurdest.
Bitte, lass mich loben, wie Gott dich lobte:
Du bist ganz schön und kein Makel ist an dir, ganz heilig, ganz schön.
Du bist immer eine Freundin Gottes gewesen.
Wie schön bist du, meine liebenswürdigste, meine Unbefleckte Jungfrau, so schön in den Augen Gottes.
Schau mit deinen barmherzigen Augen auf die schrecklichen Wunden meiner armen Seele.
Sieh mich an, habe Mitleid mit mir und heile mich, du schöne Geliebte des Herzens, zieh auch mein elendes Herz zu dir.
Welche Gnade sollte dir Gott versagen, der dich zu seiner Mutter und zu seiner Braut erwählt, dich deshalb vor jedem Sündenmakel bewahrt und dich allen Geschöpfen vorgezogen hat.
Unbefleckte Jungfrau Maria, lass mich immer an dich denken und vergiss mich nicht, bis ich deine Schönheit im Himmel schaue, wo ich dich noch weit mehr loben und lieben werde, meine Mutter, meine Königin, Schönste, Reinste, Unbefleckte Jungfrau Maria.